Idee

Oktober 13th, 2009

Die Idee zu einem Gebet-Automaten kam mir, als ich im Jahr 1999 in New York auf einem U-Bahnsteig in einer hygienisch zweifelhaften Ecke einen Automaten an der Wand sah, der mit einer künstlichen Stimme auf einlullend monotone Weise permanent sprach. Niemand kümmerte sich um den Automaten. Ich verstand nicht genau, was er sagte, weil die akustische Qualität sehr schlecht war, aber ich nehme an, Bedienungshinweise zur Benutzung. Auf dem Bahnsteig standen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und sozialer Herkunft, eben die spezifische New Yorker Mischung, und – gerade auf dem Weg zum jüdischen Viertel in Williamsburg – stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn Gebete aus diesem Automaten kämen.

Den GEBETOMAT, wie ich ihn hergestellt habe, muss man sich – anders als das New Yorker Vorbild – ähnlich wie einen Passbild-Automaten vorstellen, wie er auf Bahnhöfen und in Kaufhäusern steht. Der GEBETOMAT ist ein akustischer Automat, den man betreten und in dem man sich durch Zuziehen eines Vorhangs von der Umgebung relativ isolieren kann. Man wirft ein Geldstück ein und kann dann über eine Benutzeroberfläche (Touchscreen) Gebete aus fast allen Religionen der Welt in vielen Sprachen anwählen und ihnen zuhören: vom strengen Zarathustra-Vaterunser über tibetanische Mönchsgesänge, buddhistische Sutren, Korangebete, hebräische Kaddisch-Gebete, Indianer-Gesänge, Gebete von Schamanen aus Neu-Guinea oder Mali bis hin zu zeitgeistigen Gruppenmeditationen und amerikanischen Fernsehpredigern. Es besteht die Möglichkeit des Mitbetens, vom rasch gesprochenen Stoßgebet bis zur ausgedehnten Meditation, aber zunächst ist es nur ein Ort zum Hören. Zur Zeit gibt es im GEBETOMAT ca. 300 Gebete in 64 Sprachen zu hören.

Der Gedanke ist der eines Automaten, der an verschiedenen Orten des öffentlichen Lebens stehen kann und innere Einkehr gewährt. In Frage dafür kommen beispielsweise Bahnhöfe, U-Bahn-Stationen, leer stehende Kirchen, Gebetsräume in Universitäten, Flughäfen, Kaufhäuser, städtische Plätze, Autobahn-Rastplätze und viele Orte mehr. Ich halte die – dem Denken Andy Warhols verwandte – Idee einer automatenhaft herstellbaren Erzeugung religiösen Gefühls für einen sehr zeitgenössischen Gedanken.

Ich danke allen, die an der Verwirklichung des GEBETOMAT mitgearbeitet haben, insbesondere Sandra Babing, Till Beckmann, Andreas Bick, Till Exit, Anna Pein, Stephan Rändel, Ursula Ruppel, Iris Schirmer und Marcel Weber. Für die Ermöglichung und Förderung des Projekts danke ich den Sophiensælen und dem ausland, dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, den ARD-Hörspieltagen sowie dem Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main.

© Oliver Sturm 2008